Pflegewissenschaft: Warum Pflegeforschung für die Praxis wichtig ist

Pflegewissenschaft untersucht, wie pflegebedürftige und erkrankte Menschen bestmöglich versorgt, begleitet und unterstützt werden können. Sie beschäftigt sich beispielsweise mit der Vermeidung von Stürzen und Druckgeschwüren, dem Umgang mit Schmerzen, der Versorgung von Menschen mit Demenz, der Gestaltung von Pflegeprozessen sowie den Arbeitsbedingungen von Pflegekräften.

Dabei geht es nicht um „Theorie statt Praxis“. Pflegewissenschaft soll praktische Probleme systematisch untersuchen und Lösungen entwickeln, deren Nutzen nachvollziehbar überprüft werden kann.

Was ist Pflegewissenschaft?

Pflegewissenschaft ist eine eigenständige wissenschaftliche Disziplin. Sie untersucht pflegerische Fragestellungen mithilfe wissenschaftlicher Methoden.

Im Mittelpunkt stehen unter anderem:

  • Bedürfnisse pflegebedürftiger und erkrankter Menschen
  • Wirkungen pflegerischer Maßnahmen
  • Vermeidung pflegebedingter Risiken
  • Lebensqualität und Selbstständigkeit
  • Beratung und Gesundheitsförderung
  • Gestaltung von Pflegeprozessen
  • Zusammenarbeit mit anderen Berufsgruppen
  • Versorgung bestimmter Patientengruppen
  • Digitalisierung und neue Technologien
  • Arbeitsbedingungen und Gesundheit des Pflegepersonals
  • Organisation und Qualität von Pflegeeinrichtungen

Pflegeforschung ist ein Teil der Pflegewissenschaft. Sie erhebt und bewertet Daten, um konkrete Forschungsfragen zu beantworten.

Warum ist Forschung in der Pflege notwendig?

Pflegefachkräfte treffen jeden Tag zahlreiche Entscheidungen: Wie hoch ist das Sturzrisiko? Welche Maßnahmen helfen bei Schmerzen? Wie lässt sich eine Mangelernährung frühzeitig erkennen? Welche Form der Beratung unterstützt Betroffene und Angehörige?

Solche Entscheidungen sollten nicht ausschließlich auf Gewohnheiten oder der Aussage „Das haben wir schon immer so gemacht“ beruhen.

Pflegeforschung hilft dabei zu prüfen:

  • ob eine Maßnahme tatsächlich wirkt
  • für welche Menschen sie geeignet ist
  • welche unerwünschten Folgen auftreten können
  • wie Betroffene die Maßnahme erleben
  • welcher personelle und zeitliche Aufwand entsteht
  • ob eine Intervention im Pflegealltag umsetzbar ist
  • welche Alternativen zur Verfügung stehen

Wissenschaftliche Erkenntnisse können damit zu einer wirksamen, sicheren und bedarfsgerechten Versorgung beitragen. Sie ersetzen jedoch nicht die professionelle Einschätzung der Pflegefachkraft.

Was bedeutet evidenzbasierte Pflege?

Evidenzbasierte Pflege – häufig auch als Evidence-based Nursing bezeichnet – verbindet mehrere Informationsquellen miteinander.

Dazu gehören:

  1. die bestverfügbare wissenschaftliche Evidenz,
  2. die fachliche Erfahrung der Pflegekräfte,
  3. die Wünsche, Bedürfnisse und Lebensumstände der pflegebedürftigen Person,
  4. die jeweiligen Rahmenbedingungen der Einrichtung.

Eine wissenschaftliche Studie allein bestimmt daher nicht automatisch, wie eine Person gepflegt werden muss. Forschungsergebnisse müssen auf ihre Qualität geprüft und auf die konkrete Situation übertragen werden.

Ein Beispiel: Eine bestimmte Maßnahme kann in einer Studie das Sturzrisiko verringert haben. Ob sie bei einer einzelnen Patientin sinnvoll ist, hängt zusätzlich von Mobilität, Erkrankungen, Medikamenten, Wohnumgebung, persönlichen Zielen und weiteren Faktoren ab.

Wie funktioniert evidenzbasiertes Arbeiten?

Ein typischer Ablauf besteht aus mehreren Schritten.

1. Ein Problem erkennen

Ausgangspunkt ist eine konkrete Frage aus der Pflegepraxis, beispielsweise:

  • Wie lassen sich Stürze auf einer geriatrischen Station reduzieren?
  • Welche Maßnahmen fördern den Schlaf auf einer Intensivstation?
  • Wie kann die Nahrungsaufnahme bei Menschen mit Demenz unterstützt werden?
  • Welche Form der Entlassungsberatung verhindert Versorgungslücken?

2. Eine beantwortbare Frage formulieren

Die Fragestellung sollte möglichst konkret beschreiben, um welche Personengruppe, Maßnahme und Zielgröße es geht.

3. Nach wissenschaftlichen Erkenntnissen suchen

Dafür können Fachdatenbanken, Leitlinien, Expertenstandards, systematische Übersichtsarbeiten und wissenschaftliche Fachzeitschriften genutzt werden.

4. Qualität der Ergebnisse beurteilen

Nicht jede veröffentlichte Studie ist automatisch zuverlässig. Unter anderem müssen Studiendesign, Teilnehmerzahl, Vergleichsgruppen, Messmethoden und mögliche Verzerrungen berücksichtigt werden.

5. Ergebnisse auf die Praxis übertragen

Die Erkenntnisse werden mit fachlicher Erfahrung, individuellen Bedürfnissen und den vorhandenen Ressourcen verbunden.

6. Wirkung überprüfen

Nach der Einführung sollte geprüft werden, ob die Maßnahme das gewünschte Ergebnis erreicht. Andernfalls muss sie angepasst oder verworfen werden.

Was verändert Pflegeforschung konkret?

Pflegewissenschaft wird besonders greifbar, wenn Forschungsergebnisse in Standards, Behandlungspfade, Schulungen oder Versorgungskonzepte einfließen.

Sturzprophylaxe

Pflegeforschung untersucht Risikofaktoren und Maßnahmen zur Vermeidung von Stürzen. Dazu können beispielsweise eine individuelle Risikoeinschätzung, Bewegungsförderung, geeignete Hilfsmittel und die Überprüfung der Umgebung gehören.

Nicht jede vermeintliche Sicherheitsmaßnahme ist automatisch sinnvoll. Eine pauschale Einschränkung der Bewegungsfreiheit kann neue Risiken verursachen und die Selbstständigkeit beeinträchtigen.

Schmerzmanagement

Schmerzen müssen systematisch erfasst, beurteilt und im Verlauf kontrolliert werden. Das gilt auch für Menschen, die Schmerzen nicht zuverlässig verbal äußern können.

Pflegewissenschaft untersucht unter anderem geeignete Erfassungsinstrumente, nichtmedikamentöse Maßnahmen sowie die Zusammenarbeit zwischen Pflege, Medizin und Therapie.

Dekubitusprävention

Forschung hilft dabei, Risikofaktoren zu erkennen und geeignete Präventionsmaßnahmen auszuwählen. Dazu gehören beispielsweise Bewegungsförderung, Druckentlastung, Hautbeobachtung und eine bedarfsgerechte Versorgung mit Hilfsmitteln.

Starre Lagerungspläne ohne individuelle Einschätzung entsprechen nicht dem Gedanken evidenzbasierter Pflege.

Versorgung von Menschen mit Demenz

Pflegeforschung untersucht, wie Kommunikation, Beziehungsgestaltung und Umgebung an die Bedürfnisse von Menschen mit Demenz angepasst werden können.

Dabei stehen nicht nur Symptome oder herausfordernde Situationen im Mittelpunkt, sondern auch Biografie, Selbstbestimmung, Sicherheit und Lebensqualität.

Entlassungsmanagement

Ein Übergang vom Krankenhaus in die häusliche Versorgung, Rehabilitation oder Pflegeeinrichtung kann mit erheblichen Risiken verbunden sein. Pflegewissenschaftliche Erkenntnisse unterstützen die Entwicklung strukturierter Entlassungsprozesse und einer verständlichen Beratung.

Expertenstandards als Beispiel für Wissenstransfer

Das Deutsche Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege entwickelt evidenzbasierte Expertenstandards zu wichtigen Qualitätsrisiken und pflegerischen Aufgaben.

Dazu gehören unter anderem:

  • Dekubitusprophylaxe
  • Entlassungsmanagement
  • Schmerzmanagement
  • Sturzprophylaxe
  • Kontinenzförderung
  • Ernährungsmanagement
  • Förderung der Mundgesundheit
  • Erhaltung und Förderung der Hautintegrität
  • Beziehungsgestaltung in der Pflege von Menschen mit Demenz

Expertenstandards sind keine einfachen Checklisten. Sie beschreiben ein fachlich abgestimmtes Qualitätsniveau und müssen an die jeweilige Einrichtung, Patientengruppe und Situation angepasst werden.

Das DNQP aktualisiert die Standards in regelmäßigen Abständen auf Grundlage neuer Erkenntnisse. Dabei kann sich auch zeigen, dass die Studienlage für einzelne Empfehlungen noch unzureichend ist. Wissenschaft bedeutet deshalb nicht, für jede Frage bereits eine endgültige Antwort zu besitzen.

Welche Forschungsmethoden gibt es?

Je nach Fragestellung kommen unterschiedliche Methoden zum Einsatz.

Quantitative Forschung

Quantitative Studien untersuchen messbare Zusammenhänge. Erfasst werden beispielsweise:

  • Häufigkeit von Stürzen
  • Schmerzwerte
  • Auftreten von Druckgeschwüren
  • Dauer eines Krankenhausaufenthalts
  • Wiederaufnahmeraten
  • Pflegeaufwand
  • Lebensqualitätswerte

Solche Studien können zeigen, ob und wie stark sich bestimmte Ergebnisse verändern.

Qualitative Forschung

Qualitative Forschung untersucht Erfahrungen, Wahrnehmungen und Bedeutungen. Dafür werden beispielsweise Interviews, Gruppengespräche oder Beobachtungen eingesetzt.

So lässt sich erforschen:

  • wie Menschen ihre Pflege erleben
  • warum Maßnahmen angenommen oder abgelehnt werden
  • welche Belastungen Angehörige wahrnehmen
  • wie Pflegekräfte mit moralischen Konflikten umgehen
  • warum neue Konzepte im Arbeitsalltag funktionieren oder scheitern

Forschung mit gemischten Methoden

Mixed-Methods-Studien verbinden quantitative und qualitative Verfahren. Damit kann sowohl eine messbare Wirkung als auch die Erfahrung der beteiligten Menschen untersucht werden.

Aktuelle Themen der Pflegeforschung

Pflegewissenschaft reagiert auf gesellschaftliche, medizinische und technische Veränderungen. Wichtige Forschungsfelder sind derzeit unter anderem:

  • Digitalisierung der Pflegedokumentation
  • künstliche Intelligenz in Pflegeprozessen
  • Einsatz von Robotik und Assistenzsystemen
  • Telepflege und digitale Beratung
  • Versorgung chronisch erkrankter Menschen
  • Pflege bei Multimorbidität
  • Patientensicherheit
  • Fachkräftemangel und Personalausstattung
  • Arbeitsbelastung und psychische Gesundheit
  • Gewaltprävention
  • klimaresiliente Gesundheitsversorgung
  • interprofessionelle Zusammenarbeit
  • erweiterte pflegerische Rollen
  • Versorgung im ländlichen Raum
  • Beteiligung pflegebedürftiger Menschen an Forschung

Bei digitalen Anwendungen ist nicht nur entscheidend, ob eine Technik grundsätzlich funktioniert. Forschung muss auch untersuchen, ob sie den Pflegealltag tatsächlich verbessert, zusätzliche Arbeit verursacht, Menschen benachteiligt oder neue Datenschutz- und Sicherheitsrisiken schafft.

Wie profitieren Pflegekräfte von Pflegewissenschaft?

Pflegewissenschaft kann den Berufsalltag auf mehreren Ebenen verändern.

Fachliche Entscheidungen begründen

Pflegefachkräfte können Maßnahmen nachvollziehbar auswählen und erklären. Das stärkt die professionelle Entscheidungsfähigkeit gegenüber Patienten, Angehörigen, Vorgesetzten und anderen Berufsgruppen.

Unwirksame Routinen hinterfragen

Forschung kann zeigen, dass langjährig angewandte Maßnahmen keinen ausreichenden Nutzen haben oder sogar Risiken verursachen. Dadurch können Ressourcen gezielter eingesetzt werden.

Pflegequalität überprüfen

Mit geeigneten Qualitätsindikatoren lässt sich untersuchen, ob ein Pflegekonzept die gewünschte Wirkung erzielt.

Veränderungen mitgestalten

Pflegekräfte können an Praxisprojekten, Befragungen, Qualitätszirkeln und Studien teilnehmen. Dafür ist nicht in jedem Fall ein Hochschulabschluss erforderlich.

Berufliche Entwicklung

Wissenschaftliche Kompetenzen eröffnen zusätzliche Tätigkeitsfelder, beispielsweise in Forschung, Lehre, Qualitätsentwicklung, Konzeptarbeit und erweiterten pflegerischen Rollen.

Pflegewissenschaft studieren

Pflegewissenschaft kann in unterschiedlichen Studienmodellen studiert werden.

Primärqualifizierendes Pflegestudium

Ein primärqualifizierendes Studium verbindet den Erwerb der Berufszulassung als Pflegefachperson mit einem Bachelorabschluss. Seit dem Pflegestudiumstärkungsgesetz erhalten Studierende während der hochschulischen Pflegeausbildung grundsätzlich eine Ausbildungsvergütung.

Studium nach einer Pflegeausbildung

Bereits ausgebildete Pflegefachkräfte können berufsbegleitende, duale oder reguläre Studiengänge wählen. Je nach Hochschule werden Teile der beruflichen Qualifikation angerechnet.

Mögliche Studienrichtungen sind:

  • Pflegewissenschaft
  • Pflegepädagogik
  • Pflegemanagement
  • Advanced Nursing Practice
  • Community Health Nursing
  • Gesundheitswissenschaften
  • Versorgungsforschung
  • Public Health

Zugangsvoraussetzungen und Anrechnungsmöglichkeiten unterscheiden sich zwischen den Hochschulen. Unter bestimmten Voraussetzungen ist ein Studium auch ohne klassisches Abitur möglich.

Welche Berufe sind nach einem Pflegestudium möglich?

Absolventinnen und Absolventen arbeiten beispielsweise in:

  • direkter Patientenversorgung
  • Qualitäts- und Risikomanagement
  • Pflegeentwicklung
  • Forschung
  • Hochschullehre
  • Aus-, Fort- und Weiterbildung
  • Projektmanagement
  • Versorgungsplanung
  • Leitungsfunktionen
  • Beratung
  • Entwicklung klinischer Behandlungspfade
  • erweiterten pflegerischen Rollen

Der Begriff Advanced Practice Nurse, kurz APN, wird in Deutschland zunehmend verwendet. Das konkrete Aufgabenprofil ist jedoch noch nicht überall einheitlich ausgestaltet. Bewerber sollten daher prüfen, welche Qualifikation, Verantwortung und Entscheidungsbefugnis mit einer ausgeschriebenen APN-Stelle tatsächlich verbunden sind.

Warum gelangen Forschungsergebnisse nicht automatisch in die Praxis?

Zwischen Forschung und Pflegealltag besteht häufig eine Umsetzungslücke. Mögliche Gründe sind:

  • fehlende Zeit für Literaturrecherche
  • eingeschränkter Zugang zu Fachliteratur
  • Personalmangel
  • fehlende wissenschaftliche Kompetenzen
  • unzureichende Unterstützung durch Führungskräfte
  • ungeklärte Verantwortlichkeiten
  • fehlende Schulungen
  • nicht angepasste Arbeitsprozesse
  • Widerstand gegen Veränderungen
  • Forschungsergebnisse, die nicht zur konkreten Einrichtung passen

Eine neue Studie per E-Mail zu versenden, reicht deshalb nicht aus. Erfolgreicher Wissenstransfer benötigt Zeit, Schulung, Beteiligung der Beschäftigten, klare Verantwortlichkeiten und eine Überprüfung der Ergebnisse.

Was können Pflegekräfte selbst tun?

Pflegefachkräfte müssen nicht sofort ein Studium beginnen, um wissenschaftlicher zu arbeiten. Sinnvolle erste Schritte sind:

  • bei Unklarheiten konkrete Fragen formulieren
  • aktuelle Expertenstandards nutzen
  • Leitlinien und Originalquellen prüfen
  • interne Standards kritisch hinterfragen
  • an Qualitätszirkeln teilnehmen
  • Fortbildungen zu evidenzbasierter Pflege besuchen
  • Probleme und Verbesserungsvorschläge dokumentieren
  • sich an Praxisprojekten beteiligen
  • wissenschaftliche Erkenntnisse im Team besprechen

Wichtig ist eine offene Fehler- und Lernkultur. Forschung soll nicht beweisen, dass bisher alles falsch gemacht wurde, sondern vorhandene Versorgung systematisch weiterentwickeln.

Fazit: Pflegewissenschaft verbindet Forschung und Versorgung

Pflegewissenschaft liefert eine Grundlage dafür, pflegerische Entscheidungen nachvollziehbar, wirksam und an den Bedürfnissen der Menschen auszurichten. Sie untersucht nicht nur einzelne Maßnahmen, sondern auch Versorgungsstrukturen, Arbeitsbedingungen und die Erfahrungen pflegebedürftiger Menschen.

Wissenschaftliche Erkenntnisse können die professionelle Pflege stärken. Sie entfalten ihren Nutzen aber erst, wenn sie kritisch bewertet, an die konkrete Situation angepasst und im Pflegealltag umgesetzt werden.

Pflegeforschung ist deshalb weder ein Ersatz für Berufserfahrung noch eine rein akademische Aufgabe. Gute Pflege entsteht aus der Verbindung von Forschung, fachlicher Kompetenz, individuellen Bedürfnissen und verantwortungsvollen Rahmenbedingungen.

Zuletzt fachlich geprüft am 31.07.2026.

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