Aufgaben und Herausforderungen im Rettungsdienst – Lebensretter unter Druck
Einführung
Der Rettungsdienst gehört zu den wichtigsten Säulen der Notfallversorgung in Deutschland. Seine Beschäftigten versorgen Menschen bei Herzinfarkten, Schlaganfällen, schweren Verletzungen, Atemnot und zahlreichen weiteren akuten Erkrankungen.
Die Arbeit beschränkt sich längst nicht auf spektakuläre Notfälle. Rettungsteams begegnen ebenso älteren und mehrfach erkrankten Menschen, psychiatrischen Krisen, sozialen Notlagen und Beschwerden, bei denen zunächst unklar ist, ob tatsächlich ein lebensbedrohlicher Zustand vorliegt.
Der Berufsalltag ist geprägt von medizinischer Verantwortung, Zeitdruck, Schichtarbeit und wechselnden Einsatzsituationen. Gleichzeitig nehmen die Anforderungen an Qualifikation, Dokumentation, Kommunikation und eigenverantwortliches Handeln zu.
Welche Aufgaben übernimmt der Rettungsdienst? Wo liegen die größten Belastungen? Und welche Reformen könnten Beschäftigte und Notfallversorgung nachhaltig stärken?
Wie ist der Rettungsdienst in Deutschland organisiert?
Der Rettungsdienst ist in Deutschland überwiegend Aufgabe der Länder, Landkreise und kreisfreien Städte. Deshalb unterscheiden sich Organisation, Finanzierung, Hilfsfristen und konkrete Befugnisse zwischen den Regionen.
Leistungserbringer können unter anderem sein:
- kommunale Feuerwehren,
- Deutsches Rotes Kreuz,
- Arbeiter-Samariter-Bund,
- Johanniter-Unfall-Hilfe,
- Malteser Hilfsdienst,
- kommunale Rettungsdienstgesellschaften,
- private Rettungsdienstunternehmen.
Die Rettungsleitstelle nimmt Notrufe über die europaweite Notrufnummer 112 entgegen. Sie bewertet die geschilderte Situation und alarmiert die erforderlichen Rettungsmittel – beispielsweise Rettungswagen, Notarzteinsatzfahrzeug, Feuerwehr oder Spezialrettung.
Nicht lebensbedrohliche, aber akut behandlungsbedürftige Beschwerden gehören dagegen häufig in den ärztlichen Bereitschaftsdienst unter der Nummer 116117.
Notfallrettung und Krankentransport sind nicht dasselbe
Der öffentliche Rettungsdienst umfasst unterschiedliche Aufgabenbereiche.
Notfallrettung
Die Notfallrettung ist für Situationen vorgesehen, in denen Lebensgefahr oder das Risiko schwerwiegender gesundheitlicher Schäden besteht.
Dazu gehören beispielsweise:
- Herz-Kreislauf-Stillstand,
- Verdacht auf Herzinfarkt oder Schlaganfall,
- schwere Atemnot,
- schwere Verletzungen,
- Bewusstlosigkeit,
- Krampfanfälle,
- schwere allergische Reaktionen,
- akute Vergiftungen,
- lebensbedrohliche Blutungen.
Qualifizierter Krankentransport
Der Krankentransport dient Patientinnen und Patienten, die während der Fahrt eine fachliche Betreuung oder besondere Ausstattung benötigen, aber keinen akuten Notfall darstellen.
Beispiele sind:
- Transporte zu Untersuchungen oder Behandlungen,
- Rücktransporte nach einem Krankenhausaufenthalt,
- Transporte nicht gehfähiger Personen,
- Fahrten bei medizinischem Überwachungsbedarf,
- Verlegungen zwischen Einrichtungen.
Die Abgrenzung ist wichtig, weil Notfallrettungsmittel für zeitkritische Einsätze verfügbar bleiben müssen.
Welche Berufsgruppen arbeiten im Rettungsdienst?
Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter
Notfallsanitäter ist die höchste nichtärztliche Berufsqualifikation im deutschen Rettungsdienst. Die Ausbildung dauert in Vollzeit drei Jahre und endet mit einer staatlichen Prüfung.
Zu den Ausbildungsinhalten gehören unter anderem:
- Erkennen lebensbedrohlicher Zustände,
- medizinische Erstversorgung,
- Reanimation,
- Atemwegsmanagement,
- Versorgung von Verletzungen,
- Medikamentenlehre,
- Einsatzorganisation,
- Kommunikation,
- Hygiene,
- rechtliche Grundlagen,
- praktische Einsätze in Rettungswachen und Kliniken.
Notfallsanitäterinnen und Notfallsanitäter dürfen unter bestimmten Voraussetzungen eigenverantwortlich heilkundliche Maßnahmen durchführen, wenn diese zur Abwendung von Lebensgefahr oder wesentlichen Folgeschäden erforderlich sind und ärztliche Hilfe nicht rechtzeitig verfügbar ist. Die genauen regionalen Vorgaben können sich dennoch unterscheiden. Notfallsanitätergesetz
Rettungssanitäterinnen und Rettungssanitäter
Die Qualifizierung zum Rettungssanitäter ist kürzer und landesrechtlich geregelt. Rettungssanitäter werden insbesondere im Krankentransport und als Besatzungsmitglieder von Rettungswagen eingesetzt.
Umfang, Prüfungsordnung und Tätigkeitsmöglichkeiten können sich zwischen den Bundesländern unterscheiden.
Ein Rettungssanitäter ist nicht mit einem dreijährig ausgebildeten Notfallsanitäter gleichzusetzen.
Notärztinnen und Notärzte
Notärzte werden bei bestimmten schweren oder komplexen Notfällen zusätzlich alarmiert. Sie übernehmen ärztliche Diagnostik und Behandlung am Einsatzort.
Das notärztliche System unterscheidet sich regional. In einigen Gebieten wird zusätzlich Telenotfallmedizin eingesetzt, um Rettungsteams bei geeigneten Fällen ärztlich aus der Ferne zu unterstützen.
Aufgaben im Rettungsdienst
Lage am Einsatzort beurteilen
Vor der medizinischen Versorgung muss das Team zunächst die Situation erfassen:
- Ist der Einsatzort sicher?
- Wie viele Betroffene gibt es?
- Werden weitere Kräfte benötigt?
- Bestehen Gefahren durch Verkehr, Feuer, Gewalt oder Gefahrstoffe?
- Ist eine technische Rettung notwendig?
Der Eigenschutz hat Vorrang. Ein Rettungsteam darf sich nicht selbst in eine unkontrollierbare Gefahr begeben.
Gesundheitszustand beurteilen
Rettungsfachkräfte untersuchen Patientinnen und Patienten strukturiert. Sie erfassen unter anderem:
- Bewusstsein,
- Atemwege,
- Atmung,
- Kreislauf,
- neurologischen Zustand,
- Schmerzen,
- Verletzungen,
- Vorerkrankungen und Medikamente.
Aus diesen Informationen ergibt sich, welche Maßnahmen notwendig sind und ob zusätzliche Rettungsmittel oder ein Notarzt benötigt werden.
Lebensrettende Maßnahmen durchführen
Je nach Qualifikation, Situation und regionalen Vorgaben gehören dazu:
- Herz-Lungen-Wiederbelebung,
- Defibrillation,
- Sauerstoffgabe,
- Atemwegssicherung,
- Blutstillung,
- Immobilisation,
- Überwachung der Vitalfunktionen,
- Medikamentengabe,
- Behandlung akuter Schmerzen,
- Versorgung schwerer Verletzungen.
Transportziel auswählen
Nicht jede Patientin und jeder Patient benötigt dasselbe Krankenhaus. Das Rettungsteam muss unter anderem berücksichtigen:
- Art und Schwere der Erkrankung,
- benötigte Fachabteilung,
- Entfernung und Transportzeit,
- aktuelle Aufnahmekapazitäten,
- Traumazentrum, Stroke Unit oder Herzkatheterlabor,
- besondere Bedürfnisse der betroffenen Person.
Die Suche nach einem geeigneten und aufnahmebereiten Krankenhaus kann in angespannten Versorgungslagen zusätzliche Zeit beanspruchen.
Menschen in Krisensituationen begleiten
Rettungsfachkräfte versorgen nicht nur körperliche Erkrankungen. Sie begegnen auch:
- akuten psychischen Krisen,
- Suizidgefahr,
- Demenz und Verwirrtheit,
- Gewalt und Missbrauch,
- Todesfällen,
- verzweifelten Angehörigen,
- sozialen Notlagen.
Eine ruhige und verständliche Kommunikation ist dabei ebenso wichtig wie die medizinische Versorgung.
Einsatz dokumentieren und übergeben
Jeder Einsatz muss nachvollziehbar dokumentiert werden. Bei der Übergabe an das Krankenhaus werden unter anderem übermittelt:
- Zustand der Patientin oder des Patienten,
- Untersuchungsergebnisse,
- zeitlicher Verlauf,
- durchgeführte Maßnahmen,
- verabreichte Medikamente,
- relevante Vorerkrankungen,
- Besonderheiten des Einsatzes.
Eine vollständige Übergabe ist für die Behandlungsqualität und rechtliche Absicherung entscheidend.
Aktuelle Zahlen richtig einordnen
Eine zentrale bundesweite Statistik aller Rettungsdiensteinsätze existiert nur eingeschränkt. Gründe dafür sind die Zuständigkeit der Länder, unterschiedliche Erfassungsmethoden und verschiedene Definitionen von Notfallrettung und Krankentransport.
Die häufig genannte Zahl von 14 Millionen darf daher nicht als aktuelle Destatis-Zahl für Rettungsdiensteinsätze dargestellt werden.
Belastbar sind folgende Angaben:
- Im Jahr 2023 wurden in deutschen Krankenhäusern rund 12,4 Millionen ambulante Notfälle behandelt. Dabei handelt es sich um Behandlungen in Notaufnahmen, nicht um Rettungsdiensteinsätze.
- Im Jahr 2022 arbeiteten rund 86.000 Menschen hauptamtlich im Rettungsdienst. Das waren 71 Prozent mehr als zehn Jahre zuvor.
- Für 2023 weist die Gesundheitspersonalrechnung rund 89.000 Beschäftigte im Rettungsdienst aus.
Der deutliche Personalzuwachs bedeutet nicht automatisch, dass jede Region ausreichend besetzt ist. Mit wachsenden Aufgaben, zusätzlichen Fahrzeugen und höheren Einsatzzahlen steigt ebenfalls der Personalbedarf. Destatis: Notfallambulanzen und Beschäftigte im Rettungsdienst
Warum steigt die Belastung?
Häufigere Inanspruchnahme
Rettungsdienste werden nicht nur bei eindeutig lebensbedrohlichen Situationen alarmiert. Gründe für eine zunehmende Nutzung können sein:
- Unsicherheit über die Dringlichkeit,
- fehlende hausärztliche Versorgung,
- lange Wartezeiten bei Fachärzten,
- eingeschränkte Erreichbarkeit anderer Angebote,
- zunehmende Zahl älterer und mehrfach erkrankter Menschen,
- psychische und soziale Krisen,
- geringe Kenntnis der Nummer 116117,
- Erwartung einer schnellen Behandlung im Krankenhaus.
Der Begriff „Bagatelleinsatz“ sollte zurückhaltend verwendet werden. Medizinische Laien können Beschwerden nicht immer zuverlässig beurteilen. Auch zunächst harmlos wirkende Symptome können eine ernsthafte Ursache haben.
Das Problem liegt daher nicht allein bei den Hilfesuchenden, sondern auch in fehlender Orientierung und unzureichend vernetzten Versorgungsangeboten.
Schicht- und Nachtarbeit
Der Rettungsdienst arbeitet rund um die Uhr. Beschäftigte leisten:
- Früh-, Spät- und Nachtdienste,
- Wochenend- und Feiertagsarbeit,
- lange Bereitschaftszeiten,
- kurzfristiges Einspringen,
- Überstunden bei langen Einsätzen.
Schichtarbeit kann Schlaf, Erholung, Familienleben und Gesundheit beeinträchtigen. Besonders problematisch sind Dienstmodelle, in denen ausreichende Ruhepausen praktisch nicht eingehalten werden können.
Unvorhersehbare Einsatzdauer
Ein Einsatz lässt sich nicht pünktlich zum Schichtende abbrechen. Versorgung, Transport, Übergabe, Reinigung und Wiederherstellung der Einsatzbereitschaft müssen abgeschlossen werden.
Dadurch entstehen regelmäßig schwer planbare Arbeitszeiten.
Fachkräftemangel
Trotz gestiegener Beschäftigtenzahlen berichten viele Rettungsdienste über Schwierigkeiten, qualifiziertes Personal zu gewinnen und langfristig zu halten.
Mögliche Ursachen sind:
- hohe Arbeitsbelastung,
- Schichtdienst,
- regionale Vergütungsunterschiede,
- begrenzte Entwicklungsmöglichkeiten,
- körperliche Beanspruchung,
- fehlende Vereinbarkeit mit dem Familienleben,
- Abwanderung in Kliniken, Leitstellen oder andere Tätigkeitsbereiche.
Psychische Belastungen im Rettungsdienst
Rettungskräfte erleben Situationen, denen die meisten Menschen im Alltag kaum begegnen. Besonders belastend können sein:
- Einsätze mit schwer verletzten oder verstorbenen Kindern,
- Suizide,
- schwere Verkehrsunfälle,
- erfolglose Reanimationen,
- Gewalt- und Missbrauchsfälle,
- persönliche Bedrohungen,
- Einsätze mit bekannten Personen,
- mehrere belastende Einsätze in kurzer Folge.
Nicht jeder belastende Einsatz führt zu einer psychischen Erkrankung. Reaktionen wie Unruhe, Schlafprobleme oder wiederkehrende Gedanken können zunächst normale Verarbeitungsreaktionen sein.
Bleiben Beschwerden bestehen oder verstärken sie sich, können unter anderem auftreten:
- akute Belastungsreaktionen,
- Anpassungsstörungen,
- Depressionen,
- Angststörungen,
- posttraumatische Belastungsstörungen,
- problematischer Alkohol- oder Medikamentenkonsum.
Eine pauschale Quote von 60 Prozent lässt sich hierfür nicht seriös verwenden. Studien unterscheiden sich deutlich hinsichtlich Stichprobe, Berufsgruppe, Belastungsbegriff und untersuchtem Zeitraum.
Gewalt gegen Rettungskräfte
Neben medizinischen und psychischen Belastungen sind Beleidigungen, Bedrohungen und körperliche Angriffe ein relevantes Arbeitsschutzthema.
Eine von der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung dargestellte Studie unter 335 Rettungskräften ergab, dass 94,3 Prozent in den vorangegangenen zwölf Monaten mindestens einen körperlichen oder verbalen Angriff erlebt hatten. Die Untersuchung ist nicht repräsentativ für sämtliche Rettungskräfte in Deutschland, zeigt aber die Bedeutung des Problems. DGUV: Gewalt gegen Rettungskräfte
Gefährdungen entstehen insbesondere bei:
- Alkohol- und Drogenkonsum,
- psychischen Ausnahmesituationen,
- häuslicher Gewalt,
- aggressiven Menschenansammlungen,
- langen Wartezeiten,
- unübersichtlichen Einsatzorten.
Unterschiede zwischen Stadt und Land
Ländliche Regionen
In ländlichen Gebieten bestehen häufig:
- längere Anfahrtswege,
- größere Einsatzgebiete,
- weitere Wege zum geeigneten Krankenhaus,
- weniger Spezialkliniken,
- längere Nachforderung eines Notarztes,
- begrenzte Reservekapazitäten.
Telemedizin kann hier besonders hilfreich sein. Sie ersetzt jedoch weder ein verfügbares Rettungsmittel noch notwendige ärztliche Behandlung am Einsatzort.
Ballungsräume
In Städten führen hohe Bevölkerungsdichte und häufige Parallelalarmierungen zu anderen Problemen:
- hohe Einsatzzahlen,
- blockierte Rettungsmittel,
- Wartezeiten vor überlasteten Notaufnahmen,
- schwierige Verkehrslagen,
- soziale und psychiatrische Einsatzanlässe,
- häufigere Gewaltsituationen.
Eine einheitliche Lösung für alle Regionen ist daher kaum möglich.
Lösungsansätze
1. Notruf und Bereitschaftsdienst besser vernetzen
Viele Hilfesuchende wissen nicht, ob sie 112, 116117, eine Praxis oder eine Notaufnahme kontaktieren sollen.
Eine bessere Vernetzung könnte dazu beitragen, Menschen unmittelbar in die passende Versorgung zu leiten. Dazu gehören:
- gemeinsame digitale Systeme,
- standardisierte Ersteinschätzung,
- sichere Weiterleitung zwischen Leitstellen,
- aktuelle Informationen zu verfügbaren Angeboten,
- klare Rückfallebenen bei einer Verschlechterung.
Die Bundesregierung hat im April 2026 einen neuen Entwurf zur Reform der Notfallversorgung beschlossen. Vorgesehen sind unter anderem Gesundheitsleitsysteme, eine stärkere Vernetzung der Akutleitstellen und integrierte Notfallzentren. Der Entwurf wurde am 9. Juli 2026 erstmals im Bundestag beraten und ist noch nicht abschließend beschlossen. Bundesgesundheitsministerium: Notfallreform 2026
2. Alternative Versorgungsangebote ausbauen
Nicht jeder Einsatz muss zwangsläufig mit einem Transport in die Notaufnahme enden.
Je nach Bedarf könnten helfen:
- Akuttermine in Bereitschaftspraxen,
- aufsuchende ärztliche Dienste,
- Gemeindenotfallsanitäter,
- psychiatrische Krisendienste,
- pflegerische Akutdienste,
- telemedizinische Beratung,
- direkte Vermittlung in geeignete ambulante Angebote.
Solche Modelle benötigen klare Zuständigkeiten, Finanzierung und rechtliche Absicherung.
3. Personal langfristig binden
Mehr Ausbildungsplätze allein reichen nicht. Beschäftigte müssen nach der Ausbildung im Beruf bleiben wollen.
Wichtige Maßnahmen sind:
- verlässliche Dienstpläne,
- ausreichende Ruhezeiten,
- gesundheitsgerechte Schichtmodelle,
- planbare Pausen,
- angemessene Vergütung,
- Teilzeitmodelle,
- verlässliche Fortbildung,
- berufliche Entwicklungsmöglichkeiten,
- gute Führung und Fehlerkultur.
4. Ausbildungskapazitäten sichern
Die dreijährige Notfallsanitäterausbildung benötigt:
- geeignete Rettungsdienstschulen,
- ausreichend Praxisanleitende,
- Klinikplätze für praktische Ausbildungsabschnitte,
- qualifizierte Lehrkräfte,
- angemessene Finanzierung,
- verfügbare Ausbildungsrettungsmittel.
Eine reine Erhöhung der Ausbildungszahlen ohne ausreichende Begleitung gefährdet die Ausbildungsqualität.
5. Psychische Gesundheit systematisch schützen
Psychische Unterstützung darf nicht erst einsetzen, wenn Beschäftigte langfristig ausfallen.
Sinnvolle Maßnahmen sind:
- Schulungen zu psychischen Belastungsreaktionen,
- kollegiale Ansprechpersonen,
- strukturierte Einsatznachbesprechungen,
- psychologische Erstbetreuung,
- vertrauliche Beratungsangebote,
- schneller Zugang zu fachlicher Behandlung,
- Nachsorge nach außergewöhnlichen Ereignissen,
- ausreichend Erholungszeit.
Die DGUV empfiehlt, psychologische Erstbetreuung bereits organisatorisch vorzubereiten und Verantwortlichkeiten vor einem belastenden Ereignis festzulegen. DGUV: Psychologische Erstbetreuung
6. Gewaltprävention verbessern
Arbeitgeber müssen Gewalt und Aggression in der Gefährdungsbeurteilung berücksichtigen.
Dazu gehören:
- Deeskalationstraining,
- sichere Funkverbindungen,
- frühzeitige Warnhinweise der Leitstelle,
- klare Regeln für Polizeinachforderungen,
- Dokumentation und Meldung von Übergriffen,
- Unterstützung bei Strafanzeigen,
- Nachsorge nach Angriffen,
- eine Kultur, in der Gewalt nicht als normaler Bestandteil des Berufs akzeptiert wird.
7. Telenotfallmedizin sinnvoll einsetzen
Telenotärztliche Systeme können Rettungsteams bei geeigneten Einsätzen unterstützen. Möglich sind beispielsweise:
- ärztliche Beratung,
- Befundübertragung,
- Unterstützung bei Medikamentengaben,
- Beurteilung von EKG-Daten,
- Begleitung längerer Transporte.
Telenotfallmedizin eignet sich nicht für jede Situation. Bei hochkritischen oder technisch komplexen Notfällen kann weiterhin ein Notarzt am Einsatzort erforderlich sein.
8. Digitale Dokumentation vereinheitlichen
Digitale Systeme können Doppelarbeit reduzieren, wenn sie zuverlässig funktionieren und miteinander kompatibel sind.
Verbesserungspotenzial besteht bei:
- digitaler Einsatzdokumentation,
- Übermittlung von Voranmeldungen,
- Krankenhauskapazitäten,
- Übergabe relevanter Behandlungsdaten,
- automatischer Übernahme von Messwerten,
- Qualitätssicherung und Versorgungsforschung.
Technik, die zusätzliche Eingaben oder parallele Papierdokumentationen erfordert, kann die Belastung dagegen erhöhen.
9. Künstliche Intelligenz verantwortungsvoll nutzen
KI kann perspektivisch unterstützen bei:
- Prognosen des Einsatzaufkommens,
- Positionierung verfügbarer Rettungsmittel,
- Erkennung von Belastungsspitzen,
- Routenplanung,
- Qualitätssicherung,
- strukturierter Auswertung von Notrufen.
Medizinische Priorisierung und Einsatzentscheidungen dürfen jedoch nicht unkontrolliert einem undurchsichtigen System überlassen werden. Erforderlich sind validierte Verfahren, menschliche Verantwortung, Datenschutz und eine kontinuierliche Überprüfung möglicher Fehlentscheidungen.
10. Bundesweite Mindeststandards entwickeln
Die Länderzuständigkeit ermöglicht regionale Anpassungen, führt aber auch zu unterschiedlichen:
- Hilfsfristen,
- Fahrzeugbesetzungen,
- Behandlungsstandards,
- Fortbildungspflichten,
- digitalen Systemen,
- Kompetenzen von Notfallsanitätern.
Bundesweit vergleichbare Qualitätsindikatoren und Mindeststandards könnten die Versorgung transparenter und einheitlicher machen. Regionale Besonderheiten müssten dabei berücksichtigt werden.
Was Einrichtungen konkret tun können
Rettungsdienstträger können bereits unabhängig von größeren Reformen Verbesserungen umsetzen:
- tatsächliche Arbeitsbelastung erfassen,
- Überstunden und Schichtausfälle auswerten,
- verbindliche Pausenregelungen schaffen,
- Beschäftigte an Dienstplanentscheidungen beteiligen,
- psychische Gefährdungsbeurteilungen durchführen,
- Gewaltvorfälle konsequent dokumentieren,
- Fortbildungszeit als Arbeitszeit anerkennen,
- strukturierte Einarbeitung anbieten,
- Führungskräfte für Belastungssignale sensibilisieren,
- Austrittsgründe systematisch analysieren.
Entscheidend ist nicht eine einzelne Maßnahme, sondern das Zusammenspiel aus Personal, Organisation, Technik und Führung.
Einstieg in den Rettungsdienst
Interessierte sollten vor der Berufswahl die unterschiedlichen Qualifikationen genau vergleichen.
Wichtige Fragen sind:
- Möchte ich eine dreijährige Berufsausbildung absolvieren?
- Kann ich mit Schicht-, Nacht- und Wochenendarbeit umgehen?
- Wie reagiere ich in belastenden Situationen?
- Bin ich bereit, regelmäßig Verantwortung zu übernehmen?
- Welche Entwicklungsmöglichkeiten bietet der Arbeitgeber?
- Wie werden Beschäftigte nach schwierigen Einsätzen unterstützt?
- Welche Dienstmodelle und Tarifverträge gelten?
Hospitationen und Gespräche mit erfahrenen Beschäftigten können ein realistischeres Bild vermitteln als Werbung oder Fernsehformate.
Fazit
Der Rettungsdienst ist ein unverzichtbarer Bestandteil der Notfallversorgung. Seine Beschäftigten übernehmen medizinisch anspruchsvolle Aufgaben, arbeiten unter wechselnden Bedingungen und müssen häufig innerhalb weniger Minuten weitreichende Entscheidungen treffen.
Die Herausforderungen reichen von Schichtarbeit und Fachkräfteengpässen über psychische Belastungen bis zu Gewalt, regionalen Unterschieden und unzureichend vernetzten Versorgungsstrukturen.
Digitalisierung, Telemedizin und bessere Einsatzsteuerung können helfen. Sie ersetzen jedoch weder ausreichendes Personal noch gute Arbeitsbedingungen. Nachhaltige Verbesserungen erfordern verlässliche Dienstpläne, hochwertige Ausbildung, psychosoziale Unterstützung, Schutz vor Gewalt und eine Reform der sektorenübergreifenden Notfallversorgung.
Wer den Rettungsdienst stärken möchte, muss deshalb nicht nur über zusätzliche Fahrzeuge sprechen, sondern vor allem über die Menschen, die sie rund um die Uhr besetzen.
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